ACTA: Internet-Junkies droht “kalter Entzug”

Jeder hat die Droge genommen. Sie ist schließlich verdammt günstig. Schon ab neun Euro kann man sich einen ganzen Monat lang damit berauschen – oder besser gesagt bespaßen. Ab 15 Euro aufwärts gibt’s den Kick sogar in High-Speed. Ja, das Internet ist zweifellos das stärkste Suchtmittel des 21. Jahrhunderts.

Es schenkt uns einen Zugang zu einem schier unerschöpflichen Angebot an Informationen, Bildern und Videos. Nicht einmal der stärkste LSD-Trip bietet eine derart große Fülle an Eindrücken. Überdies ist man im WWW nicht an seine irdische Erscheinungsform gebunden. Man kann sein, wer oder was man will, bei Bedarf sogar mehrere Personen gleichzeitig. Soziale Netzwerke, Foren und freie Weblogs ermöglichen es jedem, seine Ansichten und Gefühlsregungen mitzuteilen oder im Schutze der Anonymität Kontakte zu knüpfen. Dank den Cloud-Diensten haben wir immer und überall Zugriff auf unsere Daten und in Online-Shops finden wir auf Anhieb das, was wir im Geschäft vermutlich ewig suchen würden.

Angesichts dieser Annehmlichkeiten ist es kein Wunder, dass wir alle in die Abhängigkeit der Droge Internet geraten sind. Die vergleichsweise harmlosen “Nebenwirkungen“, die deren Gebrauch mit sich bringt, nehmen wir daher billigend in Kauf. Ab und zu liest mal ein Trojaner unsere Daten aus, Google analysiert unser Suchverhalten und die eine oder andere E-Mail von einem kriminellen Download-Portal flattert in den Posteingang. Viel mehr kann einem erfahrenen User nicht passieren. Natürlich ist das alles sehr ärgerlich, aber nicht so abschreckend, dass man sofort die Finger vom Internet ließe.

Doch nun, da wir alle längst angefixt sind, droht uns das ACTA-Abkommen auf kalten Entzug zu setzen. Es könnte uns das Internet, wie wir es kennenlernen durften, wieder wegnehmen. Damit würde vieles von dem, was wir bislang problem- und sorglos im Netz machen konnten, strafbar werden. Das Bereitstellen von Videos, das Verbreiten von Botschaften, das Teilen von Bildern – all das könnte laut dem folgenden Anonymous-Video bald eine kriminelle Handlung darstellen, für die es erhebliche Konsequenzen geben könnte.

Allmählich beginne ich mich zu fragen, ob all die Jahre zuvor nur dazu gedient haben, uns mit dem schönen Schein zu ködern. Das, was wir als Segen betrachtet haben, könnte sich schon bald – wie jede andere Droge auch – als eine gewaltige Mogelpackung entpuppen. Mit der anfänglichen Euphorie, den Freiheiten und Möglichkeiten, die das Internet uns gegeben hat, wäre es dank ACTA von heute auf morgen vorbei. Zwar wage ich zu bezweifeln, dass das Abkommen in im Video gezeigter Schärfe realisiert und exekutiert wird. Allerdings ist ACTA ein weiterer Schritt in Richtung Zensur und Überwachung.

Die Menschen sind nicht bereit, sich für die Nutzung des Internets bespitzeln und sanktionieren zu lassen. Aus diesem Grund finden zur Zeit zahlreiche Anti-ACTA-Demonstrationen statt. Kleinere Erfolge konnten dabei, zumindest in Österreich, bereits erzielt werden. Bis zur Entscheidung des europäischen Parlaments wird das Abkommen nicht ratifiziert. Bleibt zu hoffen, dass dieses der ACTA eine Absage erteilt. Falls nicht, ist es nämlich nicht ausgeschlossen, dass bereits ein falscher Klick mit der Maus zu einem Klicken der Handschellen führt.

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