Das Gesicht von Karl-Heinz Grasser dürfte so manchem Österreicher mittlerweile vertrauter sein als das des eigenen Partners. Kein Wunder: Es vergeht kein Tag, an dem es nicht in irgendeiner Form in den Medien präsent ist. Wenn man es nicht besser wüsste, könnte man fast meinen, der ehemalige Finanzminister (jetzt hauptberuflich Sündenbock) hätte einen lukrativen Vertrag mit den österreichischen Medien abgeschlossen – als ihr Testemonial. Egal, ob man Grassers vermeintlichen Schandtaten einen ganzen Bericht oder nur eine Nachrichtenzeile widmet – es ist immer ein großes Konterfei der einstigen Polit-Grinsekatze dabei. Doch bedient man sich bei der Visualisierung nicht der vorhandenen Archiv-Bilder, deren Anzahl selbst Topmodels wie Naomi Campell vor Neid erblassen ließe, nein: Der Mann ist offenbar so schön, dass er immer wieder aufs Neue abgelichtet werden muss. Professionelle Grasserfotografen dürften deshalb allmählich verzweifeln, denn über kurz oder lang werden ihnen die Ideen ausgehen, welchen seiner Gesichtsausdrücke sie noch bildlich festhalten könnten – sie haben doch schon so gut wie alle!
Der Meister des Mienenspiels ist nämlich mit so ziemlich jedem mimischen Ausdruck, zu dem ein Mensch in der Lage ist, in den österreichischen Zeitungen und Wochenzeitschriften zu bewundern gewesen: Traurig, entsetzt, geschockt, arrogant, ernst, genervt, enttäuscht, verärgert, überrascht, ratlos, gefasst, nachdenklich, staatsmännisch, checkermäßig, verträumt, ca. 15 verschiedene Formen des Lächelns (schelmisch, kokett, glücklich, charmant, optimistisch, deppert, etc.) und vieles mehr haben wir dort schon bewundern dürfen – und zwar aus verschiedenen Perspektiven. Dass es hart wird, da noch neue, unbekannte Regungen aus Grassers fotogenem Antlitz herauszukitzeln, ist klar. (Obwohl: Als letzten Ausweg könnte man ihn immer noch Grimassen schneiden lassen…)
Karl-Heinz Grasser (KHG): Sein Name ist Programm – sein Gesicht ebenfalls. Sein berühmtes Grinsen aus besseren Zeiten zeigt er uns in dieser Parodie von Maschek:
Doch um ihren Job brauchen die fleißigen Fotografen vorerst keine Angst zu haben. Die eine oder andere Bildagentur hat mit Sicherheit noch ein kleines Reservoire an unveröffentlichtem Gesichtsmaterial, auf das die Medien im Notfall zurückgreifen können. Grund zur Sorge haben eher die Anti-KHG-Journalisten, denen langsam die Texte zu den feschen Bildern ausgehen. Neue, halbneue oder aufgewärmte alte Vorwürfe gegen “The Face” in der BUWOG-Causa werden allmählich langweilig für die Leser, da es zwar haufenweise Indizien, aber kaum Beweise für seine Schuld gibt. Diese Goldgrube aufzugeben fiele den Medien aber im Traum nicht ein, weshalb sie (natürlich unverfänglich umschrieben) weiterhin behaupten, Grasser sei glatt wie ein Aal und würde deshalb der Justiz immer wieder durch die Finger schlüpfen. Davon versprechen sie sich, Empörung in der Bevölkerung auszulösen, scheinen aber nicht zu merken, dass diese ewig wiederkehrenden, ewig gleichen Texte die Leserschaft inzwischen mehr ärgern als der ach so schlimme KHG.
Das soll jetzt nicht bedeuten, dass Grasser eine blütenweise Weste hat. Er hat sicher jede Menge Dreck am Stecken, aber da ist er bestimmt nicht der einzige. Dass in der österreichischen Politik seit jeher Verträge und Ämterbesetzungen aus reiner Freunderlwirtschaft zustande kommen, die nicht unbedingt dem Wohl des Landes dienen, ist hinlänglich bekannt. Ab und zu wird auch darüber berichtet, aber nicht mit jener Intensität und vor allem nicht über jenen Zeitraum, wie es bei Grasser der Fall ist. Außer natürlich, es handelt sich um eine gewaltige Katastrophe, wie im Fall der Hypo Alpe Adria. Es wird höchste Zeit, dass in Österreich einmal etwas Interessantes passiert, denn das lustige Grasser-Bashing verliert langsam aber sicher gehörig an Reiz. Auf gut Deutsch gesagt: Es nervt!
Monsignore hat gesprochen.
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